Integrationsdebatte

Schröder:

Wenn eine junge Frau in der Gesellschaft ein Kopftuch tragen möchte, halte ich das für tolerabel. Wenn sie es als Angehörige im öffentlichen Dienst tun möchte, würde ich sagen: Nein, da erwarten wir eine andere Weise, sich anzuziehen.

GG, Art. 2.1 :

Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.

GG, Art 3.3:

Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden.

In Deutschland leben rund 7 Millionen Ausländer, darunter rund 2 Millionen Türken (wo kommen eigentlich die ganze Jusgoslaven her, die sind nämlich Nummer 2 in der Statistik). Und das ist auch gut so. Dummerweise zwingt das jetzt Deutschland im Jahr 2004 (!) dazu, eine Integrationsdebatte zu führen, weil in unserem multi kulti Nachbarland die Moscheen brennen. Allerdings finde ich das Heranziehen des Kopftuches als Beispiel für Integrationsfähigkeit und -wille mittlerweile etwas ausgeleiert. Sollen die Leute doch rumlaufen wie es ihnen gefällt, seien es Kopftücher, Nasenringe, rote oder grüne Haare, Regenbogenfarben oder Kreuze. Mir ist das Grundsätzlich ziemlich egal, solange sich die Leute an grundsätzliche Spielregel halten, die ich finde sehr treffend in den ersten 20 Artikeln unseres Grundgesetzes getroffen sind.

Dummerweise haben die Väter unseres Grundgesetzes vergessen in die ersten zwanzig Artikel zu schreiben das wir ja das christliche Abendland sind und dieses irgendwie verteidigen müssen, vor allem in dem wir Kopftücher in Schulen verbieten. Außerdem braucht Deutschland jetzt einen runden Tisch, an den sich alle Setzen (vor allem die bösen Grünen die ja schon Feiertage für Moslems einrichten wollen) und dann darüber reden. Wie man ja bei der Pisa Studie sieht geschehen in Deutschland unglaublich schnell Veränderungen und wir haben das Ergebniss im Gegensatz zu vor zwei Jahren umgekehrt. Und drüber reden hilft bestimmt.

Des weiteren muss die Welt ja sowieso näher zusammenrücken, wir müssen alle viel mobiler werden und alles wird globalisiert, aber bitte christlich Abendländlich, damit man sich in good old Germany nicht umstellen muss. Könnte ja passieren das es ecken gibt wo mehr Arabisch gesprochen wird als Deutsch und mal ehrlich, im Endeffekt haben wir doch alle Angst davor das unser Dönermann uns in die Luft jagt.

Die Verteidigung unseres Wertesystems muss an höchster Stelle stehen, wobei ich aber stark bezweifle das meins mit dem von Herrn Schröder übereinstimmt, aber was ist dann “unser Wertesystem”? Unsere “Leitkultur” halt, das was wir “deutsche” machen und was wir schon immer gemacht haben, weil wir sind hier geboren und waren schon immer hier (das versuchen die Palestinenser den Israelies schon seit 50 Jahren klar zu machen und umgekehrt, man sieht ja was man davon hat).

Was hat das ganze allerdings mit einem Kopftuch zu tun? Irgendwie wird mir das hier nicht so ganz klar. Aber ich lebe auch im Moment in einer Stadt in der 75% der Einwohner nicht in dem Land geboren sind. Alle bemühen sich, alle sind ziemlich nett zu einander und ich hab noch keinen getroffen der kein Englisch kann. Trotzdem gibt es Chinatown, Koreatown, the Danforth (da wo die Griechen sind), etc… hilfe, Parallelgesellschaften. Die Esten treffen sich mit ihresgleichen zum Banquett, man spricht halt gerne mal die eigene Sprache. Und, oh nein, ich erdreiste mich in der Öffentlichkeit deutsch zu sprechen, scheiß nicht-kanadier.

Aber ich glaube das diese Spannungen eh nur in dem “alten Europa” auftreten, weil hier in den “Kolonien” gibt es nur einen gemeinsamen Ansatz, aber keinen der irgendwie der Meinung ist seine Meinung und Kultur verteidigen zu müssen. Im großen und ganzen sollten sich die Leute mal entspannen. Ich glaube kaum das sich unsere Kinder plötzlich zum Koran bekennen weil ihre Lehrerin ein Kopftuch trägt, genauso gut wie nicht alle Klosterschülerinnen nachher Nonnen werden. Also, alles oder nichts, wobei mir das “alles” viel besser gefällt, weil es mich nicht stört wenn jemand ein Kreuz oder ein Kopftuch trägt, allerdings denjenigen vielleicht wenn er/sie es ablegen muss. In Deutschland wohne ich zwischen freundlichen Marokkanern, freundlichen baptistischen Russen und unfreundlichen Deutschen. Wessen Weltanschaung mag ich wohl am wenigsten? Ich bin sowieso gegen jegliches Sendungsbewußtsein, vor allem wenn es um Religion und Weltanschaung geht (ich weiß wie das aus meinem Mund klingt). Die Menschen sollen halt einfach mal keine Angst haben, offen sein und sehen das jegliche Art von Andersartigem eine Berreicherung für den eigenen Horizont ist.

Also, Herr Schröder, wenn eine junge Frau in unserer Gesellschaft ein Kopftuch tragen möchte, soll sie doch. Wenn sie es als Angehörige im öffentlichen Dienst tun möchte, würde ich sagen ist das auch ihr Ding.

2 thoughts on “Integrationsdebatte

  1. Nun denn, mein lieber Marcus, zu Deinen Gedanken zum Thema „Integration“ ein paar systemisch und konstruktivistisch beeinflusste Anmerkungen von Vati :
    Vorab:
    Das liberale, demokratische, soziale und föderale Grundgesetz ist nicht wertneutral und beruht auch nicht auf wertneutralen Grundlagen.
    Wesentliche Werte, auch basierend auf die republikanische Aufklärung der französischen Revolution, sind u.a.: Die Anerkennung und der Schutz der Menschenwürde, Rechtsstaatlichkeit, Gleichberechtigung und Toleranz.
    Das Grundgesetz erkennt die kulturelle Pluralität der Gesellschaft, soweit dies die Achtung der Würde und der Autonomie der unter dem Grundgesetz lebenden Menschen beinhaltet, an.

    Wenn wir uns als Integrationsgesellschaft verstehen wollen und Fremde (Repräsentanten einer hier lebenden ethnischen Minderheit) als Mitbürger/-innen aufnehmen wollen, müssen wir uns gemeinsam eine neue Wirklichkeit schaffen. Das kann nur gelingen, wenn wir uns gedanklich eine Außenperspektive konstruieren und selbst einmal in die Rolle von Fremden begeben, die gemeinsam mit vielen anderen eine neue gesellschaftliche Wirklichkeit formen wollen und sollen.
    Unter vielen anderen passenden Vorgehensweisen, könnte zur Konstruktion einer neuen gesellschaftlichen Wirklichkeit es hilfreich sein, die kulturellen Eigenheiten der zugewanderten Minderheiten anzuerkennen.
    Hört sich recht gut an, aber dieses Konzept der „ Anerkennung der kulturellen Eigenheiten der zugewanderten Minderheiten“ mag bei mir noch für die Befreiung eines muslimischen Mädchens vom koedukativen Sportunterricht funktionieren, viel weniger passt es jedoch bei der muslimischen Praxis des Schächtens, aber ganz und gar nicht mehr bei einer Minderheit, welche die auf ihre kulturelle Tradition gestützte Praxis der Klitorisbeschneidung betreibt.

    Insofern betrachte ich Deine Äußerung „Die Menschen sollen halt einfach mal keine Angst haben, offen sein und sehen das jegliche Art von Andersartigem eine Berreicherung für den eigenen Horizont ist.“ etwas skeptisch.

    Herzlichst Vati

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  2. Ich habe nie behauptet das das Grundgesetz Wertneutral ist. Ich bin nur der Meinung das das christlich abendländliche etwas überbewertet wird, in unserer Gesellschaft, bzw. im Moment in der politischen Diskussion. Da ich allerdings letztens ja schon feststellen musste das die Amerikaner konservativer sind als ich dachte kann es natürlich auch sein das die Deutschen konservativer sind als ich denke und daher ganz andere Meinungen vertreten als ich das tue.
    Des weiteren hat Integration natürlich nicht etwas damit zu tun, dem anderen freie Hand zu geben. Ich finde ein gewisser gesellschaftlicher Konsens ist schon notwendig. Auf der Basis von “seit nett zu einander” oder “die würde des Menschen ist unantastbar” können gewisse kulturelle Eigenheiten nicht tolleriert werden. Dazu gehört das verstümmeln von Tieren und Menschen, wobei ich das bei den Tieren nicht so sonderlich eng sehe, muss ich zugeben.

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